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3
Feb

Post aus der Zukunft

Von Hanna Wick, Redaktorin bei SRF «Einstein»

«Die besonders einflussreichen Texte sind oft schlecht geschrieben.» Das sagt die Science-Fiction-Legende William Gibson in diesem erhellenden Gespräch mit dem Zeit Magazin. Der Satz hat mich ins Grübeln gebracht, denn das hiesse ja: Schön zu schreiben lohnt sich gar nicht. Jedenfalls nicht für Menschen, die etwas verändern wollen. Man lese zur Illustration einmal ein Stück von Hitlers «Mein Kampf» – wirklich kein Genuss. Oder man schaue sich Trumps Tweets an. Die gewinnen auch keinen Beauty Contest.

Sollten wir Journalisten uns jetzt also auch auf Tweets mit einfachen Wörtern, vielen !!!!! und GROSSBUCHSTABEN verlegen? Ehrlich gesagt: Ich weiss es nicht. Aber was sicher nicht verkehrt ist: Zur Entspannung wieder mal eine gut geschriebene Geschichte über die Zukunft zu lesen, wie sie werden könnte – etwa Gibsons fantastisches neustes Werk «Peripherie».

Da heisst es nicht «Es war einmal» sondern «Es wird einmal gewesen sein.» Science-Fiction ist immer ein Spiel mit der Zeit. Und wer sich die Zukunft farbig ausmalen kann, kann oft auch gut Geschichten erzählen. Darum empfehle ich allen, ab und zu Science-Fiction zu lesen oder zu schauen. Der neue Film «Arrival» hat mich zwar nicht umgehauen. Das Konzept dahinter – wie es James Gleick hier in der New York Review of Books beschreibt – find ich aber faszinierend. Der Geschichte von Aliens, die uns auf der Welt besuchen, liegt nämlich ein völlig fremdes Zeitverständnis zugrunde. Eines, in dem man sich an seine Zukunft erinnern kann. Könnte man so auch eine Reportage schreiben?

Eine hervorragende Quelle für Zukunftsvisionen ist auch das Wissenschafts-Webmagazin. «Nautilus». Es ermöglicht immer wieder Einblick in die Gedanken von Forscherinnen und Forschern, die uns – oder jedenfalls mir – ein paar Riesenschritte voraus sind. Zum Beispiel denken sie über die abgefahrene Idee nach, dass in den Gesetzen der Physik ausserirdisches Leben stecken könnte. «In other words, life might not just be in the equations. It might be the equations.» Wenn daraus nicht mal noch ein Gibson-Roman wird…

Das gleiche gilt für die Idee, mit dem Blut von jungen Menschen ältere Menschen zu verjüngen. Die Idee ist wissenschaftlich nicht komplett abwegig und bringt gerade das Silicon Valley in Wallungen. Tech-Gurus haben es eben nicht so mit der Sterblichkeit. Zum Beispiel Peter Thiel, einer der Berater von Trump. Wer ihn nicht wirklich kennt, dem lege ich dieses Portrait in der New York Times ans Herz. Gruselfaktor inbegriffen.

Thiel kämpft also gegen den Tod. Andere umarmen ihn. Zum Beispiel das Ehepaar, das Stefanie Müller-Frank für ihr Feature bis aufs Sterbebett begleitet hat. Ein wunderbares Feature über Sterbehilfe, das ihr euch unbedingt anhören solltet.

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