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16
Feb

Post aus Tijuana

Von Franziska Engelhardt, freie Journalistin & Nachrichtenredaktorin NZZ

Kurz vor Trumps Amtseinführung und seinem anschliessenden Dekrets-Übermut stand ich am Grenzzaun. Am Strand der mexikanischen Stadt Tijuana. Die Gitterstäbe, die gut fünf Meter ins Meer hinausgebaut sind, markieren nicht nur den physischen Anfang der lückenhaften Mauer entlang der 3200 Kilometer langen Grenze. Hier zogen die USA 1997 das erste Stück Mauer hoch.

Hinter den Gitterstangen ist Amerika. Zum Greifen nah. Durch die Stangen kann man den Boden berühren. Am Horizont ragen die Hochhäuser San Diegos in den Himmel. Es spielen sich skurrile Szenen ab an diesem Grenzzaun. Oberhalb des Strandes wird er engmaschig. Dort, wo sich auseinandergerissene Familien zusammenfinden, um sich durch den Zaun zu unterhalten. Die einen auf amerikanischer, die anderen auf mexikanischer Seite. Einige feiern einen gemeinsamen Gottesdienst: Durch Lautsprecher ertönt in Spanglish die Stimme eines US-Priesters, seine Silhouette ist durch den Zaun knapp zu erkennen. Da wo sein Mund ist, hält ein Mexikaner ihm das Mikrofon an das Gitter (siehe Bild).

Unten am Strand betrachten drei Männer die Barriere, die sie von ihren Familien trennt, – sie kennen sich nicht, aber kommen ins Gespräch. Sie haben nichts mehr gemeinsam, als dass sie von den USA deportiert worden sind und jetzt in Tijuana wohnen, damit sie ihre Kinder – sofern diese den amerikanischen Pass besitzen – wenigstens alle 14 Tage auf mexikanischem Boden sehen können. Ihre Situation sei schlimm. Aber jetzt komme alles noch schlimmer mit dem neuen US-Präsidenten, sind sie überzeugt. Und ja, sie behielten Recht.

Seit seiner Amtseinführungen gibt es unzählige Trump-Abhandlungen. Hier sind meine ausgewählten Hör- und Lesempfehlungen.

Schon während der Kampagne hat Trump die Immigration zu einem seiner Hauptthemen gemacht, Grenzwächter umgarnt und sie damit erfreut. Der Podcast This American Life #608 zeigt die Arbeit der Beamten an der Front, ihr Verständnis über das «Versteckspiel» an der Grenze und ihren Frust über Obama.

In derselben Episode geht es um die Angst, die unter papierlosen Immigranten in den USA umgeht. Ein Geschwisterpaar schaut, womit es konfrontiert würde, sollte es hart auf hart kommen. Es lebt seit 12 Jahren in New York und reist zum ersten Mal zurück in sein Heimatland El Salvador. Die beiden sind begeistert von der Schönheit des Landes und schockiert über die Gewalt. Ihr Leben ist in New York. Doch wie lange noch?

Weil der Podcast so umwerfend nahe dran ist, auch der nächste Tipp von This American Life #609: Nach dem Einreisebann kritisiert ein Befrager des Migrationsamtes anonymisiert den Präsidenten und seine Entourage. «Ich weiss, Trump ist sehr beschäftigt, aber wenigstens Steven Bannon oder irgendeiner von diesen Stevens hätte sich wenigstens vorher informieren können, welche Regeln bereits bestehen. I know for a fact that they did not go to the State Department».

Über Strippenzieher Steven Bannon hat die NZZ am Sonntag ein beängstigendes Porträt publiziert. Ein wahrlich dunkler Kerli dieser mächtiger Mann im Weissen Haus. «Wir werden in den kommenden Jahren Krieg gegen China führen müssen».

Und wer mehr Darth Vader will, findet das im Times Magazin: The Great Manipulator. Die letzten fünf Ausgaben widmen sich Trump, seinen Widersachern und dem Protest, der zu einer Bewegung wird.

Auch Timothy Snyder, Historiker und Experte für den Holocaust, spricht in seinem Interview in der Süddeutschen Zeitung über Bannon. Er sagt, man müsse sich mit den Dreissigerjahren beschäftigen. Denn «für Leute wie Steve Bannon kamen die USA damals vom rechten Weg ab. Amerika baute einen Sozialstaat auf und intervenierte in Europa, um den Faschismus zu stoppen. Nun sieht Bannon die Chance, die Fehler von Präsident Franklin D. Roosevelt zu korrigieren.»

Und dann fragt man sich: Wie hat es so weit kommen können? In «The crowd made you do it» beschäftigt sich der Podcast Only Human mit der Frage, was mit uns als Individuen geschieht, wenn wir uns mit anderen zusammentun und zu einer Masse werden. Wenn der Graben zwischen «uns» und «ihnen» zu einem Krater aufgerissen wird.

Übrigens läuft wieder eine neue Bewerbungsrunde für das Recherchestipendium real21, dank welchem auch ich auf Reportage nach Tijuana gehen konnte. Der Verein unterstützt Recherchen zur globalen Entwicklung und wird von MAZ, Alliance Sud und dem DEZA unterstützt. Von 13. März bis 14. Mai 2017 kann man wieder Anträge einreichen.

Weitere Tipps

Wie in Brasiliens Regenwald Mafiagruppen um die Kontrolle der Kokainrouten aus Kolumbien nach Europa kämpfenÓscar Martínez hat ein neues Buch geschrieben: A history of Violence: Living and Dying in Central America. Es ist das zweite Buch des El Faro Journalisten aus El Salvador nach «The Beast», in dem er den Migranten-Zug quer durch Mexiko besteigt. Bernie Madoff spricht: Der Betrüger äussert sich erstmals – in der sehr spannenden Podcastserie «Ponzi Supernova.» Inside Bundeshaus – die Doku zur Masseneinwanderungsinitiative. 

Damit nach diesem dunklen Newsletter niemand vom Dach springt: zum Schluss Satire über die Realsatire Donald Trump von John Oliver: Trump v. Truth. Er macht meine Lese- und Hörtipps von oben fast obsolet. Oliver fasst zusammen und zeigt, wie er künftig Fakten in Trumps Hauptmedienkonsum – das Kabelfernsehen – hineinstehlen will. Hilarious. It’s true.

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