Von Christof Gertsch, Reporter bei «Das Magazin»

Manche von uns jubelten innerlich, andere fühlten sich ertappt. 

So fing am Freitag vor einer Woche das zweite Schweizer Reporter-Forum an: wir, die Organisatorinnen und Organisatoren des Forums, hatten den WOZ-Reporter Daniel Ryser gebeten, den «Lightning Talk» zu halten. Er hielt den rund 250 Zuhörerinnen und Zuhörern den Spiegel vor, wie man so schön sagt, und der Spiegel zerfiel in tausend kleine Stücke. Am besten hört ihr euch die Rede selbst an. Es ging auch um die Frage, was wir als Reporterinnen und Reporter alles besser machen könnten. Sozialreportage!, rief Ryser in den Saal.

Mir ist nicht ganz klar, warum ich seit dieser Rede oft an das «Zeit»-Dossier über das schwerkranke Mädchen Klara denken muss, dem nur ein Medikament helfen kann, das noch nicht zugelassen ist. Es ist ein grossartiger Text, weil er zeigt, dass vieles komplizierter ist, als wir es gern hätten.

Es ist schon eine Weile her, dass der Text von Erwin Koch über Sarah im Magazin «Reportagen» erschienen ist, aber das ist ja, was Texte im besten Fall erreichen können: Dass sie in Erinnerung bleiben und einem plötzlich wieder ins Bewusstsein rücken. In beiden Texten geht es um ein Mädchen und um eine Krankheit. Sarah stirbt, Klara hoffentlich nicht. Erwin Koch war einer der Gäste beim Reporter-Forum, wir redeten mit ihm über «Mein Text, mein Ton – wie ich schreibe». Der Text über Sarah ist ein Meisterwerk, aber es aussichtslos ist, ihn kopieren zu wollen. Was sehr wohl geht: sich inspirieren zu lassen.

Dranbleiben, sich Zeit nehmen, immer noch mehr wissen wollen: das ist es, was Texte gut macht. Zum Beispiel den hier, ein Text über das Sterben – beziehungsweise eigentlich DER Text über das Sterben, erschienen vor ein paar Monaten im «SZ-Magazin». Oder dieser Text über die Frage, wie viel Geld es uns wert ist, unser Sterben hinauszuzögern, erschienen vor ein paar Monaten in der «Zeit».

Die Hingabe, die Daniel Ryser in seine Rede gelegt hat (ihr müsst euch das Video wirklich anschauen!), legt er auch in seine Texte. Zum Beispiel in den hier, einen 107'000-Zeichen-Text über Qaasim Illi, den Anführer des Islamischen Zentralrats. Oder in den hier, einen Text über die Berner Reitschule, der alle Texte, die je über die Reitschule geschrieben wurden, überflüssig macht.

Gerade ist das neue «Dummy»-Magazin erschienen, es handelt von Amerika, und wie immer sind darin viele tolle Werke enthalten. Am besten hat mir «Der Himmel über Brändenbörg» gefallen. Der Text handelt davon, wie Dirk Gieselmann in einem Diner ausserhalb von Berlin jenes Amerika findet, von dem er ewig geträumt hat. Er findet Amerika, wo Amerika nur eine ferne Sehnsucht ist.

Und da ist noch Herr Meier, 87, Witwer, der täglich in den Vergnügungspark Phantasialand fährt und sich dort die Shows ankuckt, «mit einer Disziplin, die der militärischen ähnlich ist.» Eine wunderbar leise Reportage in der FAZ über das Altern und diese zuckerwattensüsse Blase namens Nostalgie.