Von Mikael Krogerus, Redaktor bei «Das Magazin»

Biel ist eine kleine Stadt in der Westschweiz, die bei Journalisten recht beliebt ist. Die einen lieben sie, weil man hier prima eine «entgrenzte Sozialhilfe-Industrie» anprangern kann, die anderen, weil die abgehalfterte Uhrenstadt eine Art «Neukölln der Schweiz» sein soll. Wie so oft liegt die Wahrheit wohl irgendwo dazwischen.

Die beste Reportage aus Biel stammt von unserem Forums-Kollegen Christoph Lenz. Es ist eine liebevolle und doch entlarvende Reportage, weil sie weder Immobilienspekulanten verschont noch Häuserbesetzer romantisiert. Es ist ein recht alter Text, 2012 erschienen. Und doch ist er merkwürdig aktuell. Natürlich nicht wegen der Zahlen, auch nicht wegen der Analyse, alles ändert sich ja ständig, aber die Stimmung, der Ton, der Geruch des Textes ist verdammt frisch. Das liegt daran, glaube ich, dass er gut erzählt ist. Gute Geschichten leben nämlich nicht von ihrer Aktualität. Im Gegenteil. Es ist ein Irrsinn, dass Reportagen der Breaking-News-Logik hinterher hecheln und damit ihr grösstes Gut aufgeben: die Langsamkeit.

Ich lese gern alte, überholte Reportagen. Hier eine kleine, unvollständige Liste super-unaktueller Reportagen, die ich am liebsten immer bei mir tragen würde, wie ein Punk seine Ratten.

2013: Von Lucas Vogelsang stammt diese Lokalreportage, die eindrücklich zeigt, dass die irrsten Geschichten nicht in Nepal, sondern nebenan passieren.

2009: Kurz vor seinem Tod schrieb Marc Fischer eine Reportage über die Yes-Men. Nach zwei Sätzen ist man an seiner Seite. Und am Ende des Textes ausser Atem. Das muss man als Schreiber auch erst mal schaffen.

2006: Calvin Trillin, der grosse The-New-Yorker-Reporter, über seine verstorbene Ehefrau Alice. Leicht, klug, komisch und unendlich traurig.

1999: Oft hört man in Redaktionen «das ist keine Geschichte». Dass eigentlich alles eine Geschichte ist, wenn man sie nur richtig erzählt, beweist dieser Text von Lilli Binzegger (zahlungspflichtig).

1985: George Plimpton – einer meiner absoluten Lieblingsschreiber – berichtete 1985 in der Sports Illustrated, dass die New York Mets einen jungen Buddhisten unter Vertrag genommen hätten, der Dank einer in Tibet erlernten Meditationstechnik im Stande sei, einen Baseball mit 270 Stundenkilometern zu werfen (niemand warf je schneller als 160 Km/h). Amerika flippte aus – bis der Witz aufflog, den Buddhisten gab es natürlich gar nicht. Die Reportage, eigentlich als April-Scherz angelegt, war vielmehr: eine Meditation über unsere tiefe Sehnsucht, jemand anderer sein zu wollen, als wir eigentlich sind. Wahnsinn, wirklich.

Weitere Lesetipps

Die WOZ-Reporterin Noëmi Landolt ist mit der «Sea-Watch 2» auf hoher See vor Lybien, und bloggt eindrücklich über die Rettung von Flüchtlingen. Dieses sehr persönliche Protokoll häuslicher Gewalt geht durch Mark und Bein. Über El Chapo und die geheime Geschichte von Amerikas Heroinkrise. China’s Städte und Wüsten wachsen langsam zusammen, zeigt diese wunderschön gemachte Reportage in der New York Times. Warum die Welt Angst vor Flüchtlingen hat, erklärt der polnische Soziologe Zygmunt Bauman in diesem animierten InterviewWarum Lehrer der schönste Beruf der Welt sein kann. Und was das amerikanische Schriftstellerpaar Siri Hustvedt und Paul Auster über den Wahlkampf denkt.