Von Christoph Lenz, Reporter beim «Tages-Anzeiger» (Bild)

In New York, wo ich mich bis vor kurzem aufhielt, ist die Stimmung nicht anders als hier. Sie schwankt zwischen Unglauben, Entsetzen und Wut. Niemand hatte mit diesem Präsidentschaftskandidaten gerechnet. Mit seiner Basis. Mit ihrem Hass. Mit dieser Verhärtung, diesen Verwerfungen. Die USA sind sich fremd geworden.

Einer, der das schon früh kommen sah, ist George Packer, Autor von «The Unwinding», einer furchteinflössenden Reportage darüber, wie sich der soziale Kitt in den USA seit Ende der Siebziger auflöste. Gewissermassen eine Great American Novel der Nonfiction-Abteilung. Ebendieser Packer, hauptberuflich Staff Writer beim «New Yorker», spricht am 21. Oktober in Bern im Hotel Schweizerhof über seine Arbeit und die USA am Vorabend der Wahlen. Moderiert wird der Anlass von Reportagen-Chef Daniel Puntas Bernet, der RF-Teilnehmern ja bestens bekannt ist. Weitere Infos gibts hier.

Wer Trumps USA verstehen möchte, dem sei Arlie Russell Hochschilds neues Buch empfohlen. Nach der Wahl Obamas verliess die Soziologieprofessorin ihre linksliberale Berkeley-Blase und zog für fünf Jahre nach Louisiana. In tiefstes Tea-Party-Land, mithin Trump-Territorium. «Ich wollte verstehen, wie es sich anfühlt, in der Haut dieser Leute zu stecken», sagt Russel Hochschild. Mit «Strangers in Their Own Land» ist ihr ein feinfühliges, trotz allem optimistisches Porträt dieses Milieus gelungen. Ich selbst bin mit dem Buch noch nicht durch. Was ich in den ersten Kapitel erfahren habe: Die Leute im Trump-Territorium trauern um Dinge, die einst im Überfluss vorhanden waren. Anerkennung, Wohlstand, Stabilität und – vor allem – Hoffnung.

Verlust ist auch das bestimmende Motiv in diesem tollen Radio-Feature. Es erzählt die Geschichte von Rochester NY, einst Schaltzentrale und Werkbank des Foto-Imperiums Kodak. Zehntausende fanden Arbeit in den Fabriken und Freundschaft und Halt in den firmeneigenen Clubs. Kodak bildete den Rahmen für ein ganzes Leben. Nun fragt die Marketplace-Redaktion nicht nur, welche Lücken die Kodak-Abwicklung in Rochester hinterlassen hat. Sondern auch, ob eine Reindustrialisierung, wie sie Trump vorschwebt, überhaupt erstrebenswert ist.

Denn bei allem Streit um Arbeitsplätze: Die Postmoderne begegnet der Industrie mit grossem Unbehagen. Luft-Fotograf George Steinmetz muss man das nicht erklären. Er hat soeben dieses gruslige Foto-Essay zur US-Nahrungsmittelindustrie («Big Food») abgeschlossen. Wohl bekomms.

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Der grosse David Remnick schreibt über den grossen Leonard Cohen (mit einer schmucken, neuen Anekdote über den Nobelpreisträger Bob Dylan). Die 18-jährige Berliner Schülerin Paulina Unfried verbrachte ein aufschlussreiches Jahr im amerikanischen Bible Belt, zwischen Trumpanhängern und Mormonen. Linus Schöpfer filibustert im Tagi, ohne Punkt mit Komma. Wie verändert das Smartphone unsere Wahrnehmung? Dazu ein sehr persönlicher Essay